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Glossar Bestrahlung
Qualität & Produktsicherheit

Bestrahlung

Warum manche Cannabisblüten mit ionisierenden Strahlen behandelt werden – und was dabei tatsächlich passiert.

Etwa 10 MinutenAktualisiert August 2026
Keimzahl senken
Nicht radioaktiv
Qualität geprüft
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Wissenschaftliche Ansicht

Zusätzlich eingeblendet werden Strahlenarten, Wirkmechanismen, Dosisangaben, Studienergebnisse und methodische Grenzen. Die grundlegende Einordnung bleibt gleich.

In einem Satz

Bei der Bestrahlung werden Cannabisblüten nach der Ernte kontrolliert mit ionisierender Strahlung behandelt, um die Zahl vermehrungsfähiger Bakterien, Hefen und Schimmelpilze zu reduzieren.

Was bedeutet „bestrahlt“?

„Bestrahlt“ beschreibt einen Verarbeitungsschritt nach der Ernte. Die getrockneten Blüten werden für eine festgelegte Zeit einer genau dosierten Strahlung ausgesetzt. Sie wird eingesetzt, um Mikroorganismen so zu schädigen, dass sie sich nicht mehr oder deutlich schlechter vermehren können.

Das Verfahren ist aus der Aufbereitung von Arzneimitteln, Medizinprodukten und pflanzlichen Rohstoffen bekannt. Bei medizinischen Cannabisblüten geht es vor allem darum, festgelegte mikrobiologische Qualitätsanforderungen einzuhalten.

Das Wichtigste zuerstBestrahlte Cannabisblüten sind keine radioaktiven Cannabisblüten.

Die Strahlung überträgt Energie. Das Produkt wird dabei nicht mit einer radioaktiven Substanz vermischt.

Wirkprinzip

Direkte und indirekte Strahlenwirkung

Ionisierende Strahlung kann Biomoleküle direkt treffen oder zunächst Wasser und andere Moleküle ionisieren. Dabei entstehen kurzlebige reaktive Spezies, die unter anderem DNA schädigen können. Werden genügend kritische Schäden erzeugt, verlieren Mikroorganismen ihre Vermehrungsfähigkeit. Empfindlichkeit und notwendige Dosis unterscheiden sich zwischen vegetativen Bakterien, Hefen, Schimmelpilzen und widerstandsfähigen Sporen.

Warum werden Cannabisblüten bestrahlt?

Cannabisblüten sind ein pflanzliches Arzneimittel. Wie bei anderen pflanzlichen Ausgangsstoffen können sich auf ihnen natürlicherweise Mikroorganismen befinden. Weitere Keime können bei Ernte, Trocknung, Verarbeitung oder Lagerung hinzukommen.

Für ein Arzneimittel gelten definierte Qualitätsanforderungen. Das ist besonders relevant, weil manche Patientinnen und Patienten ein geschwächtes Immunsystem besitzen. Bestrahlung kann die mikrobielle Belastung stark senken, ohne die Blüten mit hoher Temperatur oder flüssigen Desinfektionsmitteln behandeln zu müssen.

01 · AusgangspunktNatürliches PflanzenmaterialBakterien, Hefen und Pilze können auf der Blüte vorkommen.
02 · BehandlungKontrollierte EnergiedosisDie validierte Behandlung schädigt Mikroorganismen.
03 · ErgebnisGeringere KeimzahlDie Charge muss anschließend weiterhin ihre Spezifikationen erfüllen.
Keimzahlverminderung ist präziser als „steril“

Eine Behandlung kann die mikrobielle Belastung sehr stark reduzieren. Sie garantiert aber nicht automatisch die vollständige Abwesenheit jedes lebensfähigen Mikroorganismus.

Welche Verfahren gibt es?

Im Zusammenhang mit Cannabis werden vor allem Gamma-, Elektronen- und Röntgenstrahlung genannt. Alle gehören zur ionisierenden Strahlung, unterscheiden sich aber in ihrer Erzeugung und darin, wie tief sie in ein Produkt eindringen.

γGammastrahlungStammt typischerweise aus einer umschlossenen Cobalt-60-Quelle. Sie besitzt eine hohe Eindringtiefe.
e⁻ElektronenstrahlBeschleunigte Elektronen treffen direkt auf das Produkt. Die Behandlung ist schnell, die Eindringtiefe aber geringer.
XRöntgenstrahlungWird technisch durch beschleunigte Elektronen erzeugt und verbindet hohe Eindringtiefe mit einer abschaltbaren Quelle.
Physikalische Vertiefung

Dosis und Eindringtiefe

Die absorbierte Dosis wird in Gray angegeben: 1 Gray entspricht 1 Joule absorbierter Energie pro Kilogramm Material. In der industriellen Behandlung wird meist Kilogray (kGy) verwendet. Die tatsächlich geeignete Dosis hängt unter anderem von Ausgangskeimzahl, Zielorganismen, Packungsgeometrie, Dichte und gewünschter Keimreduktion ab und muss für den Prozess validiert werden.

GammaKontinuierlich emittierende Radionuklidquelle; gute Durchdringung auch größerer Packeinheiten, vergleichsweise niedrige Dosisleistung.
E-BeamElektrisch erzeugt und abschaltbar; sehr hohe Dosisleistung und kurze Behandlungszeit, aber begrenztere Durchdringung.
RöntgenElektrisch erzeugt; höhere Durchdringung als Elektronenstrahlen, allerdings entsteht Röntgenstrahlung mit geringerem energetischem Wirkungsgrad.

Werden die Blüten dadurch radioaktiv?

Nein. Bei einer ordnungsgemäß durchgeführten Behandlung werden die Blüten nicht selbst zu einer Strahlenquelle. Das lässt sich mit einer Röntgenaufnahme vergleichen: Nach der Untersuchung strahlt der Körper nicht weiter.

Bei Gammastrahlung befindet sich die radioaktive Quelle gekapselt in der Anlage und kommt nicht mit dem Produkt in Berührung. Elektronen- und Röntgenanlagen werden elektrisch betrieben und können abgeschaltet werden.

Rechtlich-technische Absicherung

Energiegrenzen sollen Kernreaktionen verhindern

Die deutsche AMRadV legt für die Behandlung von Arzneimitteln Bedingungen an Strahlenquelle und maximale Energie fest. Offene radioaktive Stoffe dürfen nicht verwendet werden; umschlossene Quellen dürfen das Arzneimittel nicht berühren. Für Elektronen- und Röntgenstrahlung gelten Energiegrenzen beziehungsweise Nachweispflichten, damit keine schädlichen Kernreaktionen und keine relevanten Radionuklide entstehen.

Verändert die Bestrahlung THC, CBD oder Terpene?

Untersuchungen fanden bei üblichen Verfahren meist keine bedeutsamen Veränderungen der gemessenen THC- und CBD-Gehalte. Bei einigen flüchtigen Terpenen wurden dagegen teilweise Rückgänge beobachtet. Wie groß diese ausfallen, kann von Sorte, Verfahren, Dosis, Verpackung und Messmethode abhängen.

Relativ gut belegtDie untersuchten Standardbehandlungen können Keimzahlen deutlich senken. Große Veränderungen von THC und CBD wurden in mehreren Studien nicht beobachtet.
Noch nicht abschließendDie Ergebnisse zu einzelnen Terpenen sind uneinheitlicher. Direkte klinische Vergleiche zwischen bestrahlten und unbestrahlten Blüten fehlen weitgehend.
Studienlage

Cannabinoide

Vier Chemovare, 10 kGy GammastrahlungEine Untersuchung von 2016 fand unmittelbar nach der Behandlung keine Veränderung der gemessenen THC- und CBD-Gehalte, des Wassergehalts oder der mikroskopisch sichtbaren Trichomstruktur.
33 Chargen, 15 bis 20,8 kGyEine 2023 veröffentlichte Analyse verschiedener THC-, CBD- und gemischter Chemovare fand keine statistisch signifikanten Veränderungen der untersuchten Cannabinoidgehalte. Gleichzeitig sank die Zahl kultivierbarer Bakterien und Pilze stark.
Was daraus nicht folgtDie Studien untersuchten konkrete Materialien, Anlagen, Dosen und Zeitpunkte. Sie beweisen nicht, dass jede beliebige Bestrahlung bei jeder Sorte folgenlos bleibt.
Studienlage

Terpene und Geruch

Messbare Rückgänge in einer StudieDie Untersuchung von 2016 beobachtete vor allem bei flüchtigen Monoterpenen Rückgänge, häufig in einer Größenordnung von etwa 10 bis 20 Prozent; bei einzelnen Verbindungen und Sorten lagen sie höher. Das qualitative Terpenprofil blieb dabei grundsätzlich erhalten.
Geringere Effekte in einer neueren AnalyseDie 2023 veröffentlichte Untersuchung fand nur geringe beziehungsweise keine statistisch signifikanten Veränderungen der analysierten Terpene. Unterschiede können unter anderem aus Material, Dosis, Verpackung, Probenahme und Analytik entstehen.
Keine direkte Aussage zur WirkungAus veränderten Laborwerten lässt sich nicht automatisch ableiten, ob Patientinnen und Patienten einen klinisch relevanten Unterschied wahrnehmen. Dafür wären entsprechend geplante Vergleichsstudien nötig.

Was Bestrahlung nicht leisten kann

Bestrahlung ist ein zusätzlicher Qualitätsschritt – kein Ersatz für sauberen Anbau, kontrollierte Trocknung, geeignete Lagerung und Chargenprüfung.

Keine QualitätsreparaturSchlecht angebautes oder falsch gelagertes Pflanzenmaterial wird durch Bestrahlung nicht automatisch hochwertig.
Nicht zwingend sterilAbhängig von Dosis und Widerstandsfähigkeit können einzelne Mikroorganismen oder Sporen verbleiben.
MykotoxineBereits gebildete Pilzgifte werden durch die Keimreduktion nicht zuverlässig entfernt.
Keine Wirkungsgarantie„Bestrahlt“ oder „unbestrahlt“ sagt allein nichts darüber aus, wie gut ein Arzneimittel bei einer bestimmten Person wirkt.
Nur ein QualitätsmerkmalEntscheidend sind die gesamte Herstellung, Produktspezifikation, Charge, Lagerung und pharmazeutische Prüfung.
Aktuelle Forschung

Warum niedrige Keimzahlen nicht die ganze Geschichte erzählen

Eine 2025 veröffentlichte kleine Studie bestätigte eine deutliche Reduktion kultivierbarer Mikroorganismen, fand aber weiterhin einzelne lebensfähige Pilze, Pilz-DNA und Mykotoxine. Aufgrund der kleinen Stichprobe lässt sich das Ergebnis nicht auf jedes Produkt übertragen. Es unterstreicht jedoch, dass Kontaminationskontrolle bereits im Anbau beginnen und mehrere Prüfmethoden umfassen muss.

Wie ist die Bestrahlung in Deutschland geregelt?

Die Behandlung medizinischer Cannabisblüten mit ionisierenden Strahlen ist kein frei wählbarer, ungeregelter Arbeitsschritt. Für bestrahlte Cannabisarzneimittel gelten das Arzneimittelgesetz und die Verordnung über radioaktive oder mit ionisierenden Strahlen behandelte Arzneimittel.

Nach Angaben des BfArM muss für medizinisches Cannabis, das zur Keimzahlverminderung ionisierend bestrahlt wurde, eine entsprechende Zulassung nach § 7 AMG in Verbindung mit § 1 AMRadV vorliegen. Im Zulassungsverfahren werden unter anderem Bestrahlungsverfahren, Dosis, Keimzahlverminderung, Inhaltsstoffspektrum und Stabilitätsdaten betrachtet.

Keine pauschale Qualitätsrangliste

„Unbestrahlt“ bedeutet nicht automatisch besser und „bestrahlt“ nicht automatisch schlechter. Sinnvoller ist die Frage, ob die konkrete Charge ihre pharmazeutischen Qualitätsanforderungen erfüllt.

Häufige Fragen

Sind bestrahlte Cannabisblüten radioaktiv?

Nein. Bei den zugelassenen Verfahren wird Energie auf das Produkt übertragen, ohne es zu einer radioaktiven Strahlenquelle zu machen. Die Strahlenquelle kommt nicht offen mit den Blüten in Kontakt.

Warum werden nicht alle Cannabisblüten bestrahlt?

Ob eine Keimreduktion nötig ist, hängt von Herstellungsprozess, Ausgangskeimzahl, Produktspezifikation und regulatorischem Konzept ab. Manche Produkte erreichen ihre Anforderungen ohne diesen Schritt.

Ist bestrahltes Cannabis steril?

Nicht automatisch. Korrekt ist meistens „keimreduziert“. Das Ziel und die erreichte Reduktion hängen vom validierten Verfahren ab.

Gehen THC und CBD durch Bestrahlung verloren?

Mehrere Untersuchungen fanden bei üblichen Gamma-Dosen keine statistisch bedeutsamen Änderungen der gemessenen THC- und CBD-Gehalte. Das lässt sich dennoch nicht grenzenlos auf jedes Verfahren und jede Dosis übertragen.

Kann sich der Geruch verändern?

Das ist möglich. Einige Studien beobachteten Rückgänge bestimmter flüchtiger Terpene, andere fanden nur geringe Veränderungen. Auch Trocknung, Alter und Lagerung beeinflussen den Geruch.

Entstehen gefährliche Rückstände?

Die Behandlung hinterlässt keine radioaktive Substanz auf den Blüten. Wie bei jedem Herstellungsverfahren muss die Qualität des behandelten Arzneimittels bewertet und belegt werden.

Ist unbestrahlt grundsätzlich besser?

Nein. Der Bestrahlungsstatus allein erlaubt keine verlässliche Aussage über Reinheit, Frische, Wirkung oder Gesamtqualität einer Charge.

Wie erfahre ich, ob meine Sorte bestrahlt wurde?

Die Information findet sich je nach Produkt in den Hersteller- oder Produktunterlagen. Bei Unsicherheit kannst Du direkt bei der abgebenden Apotheke nachfragen.

Quellen

Verwandte Begriffe

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